Freitag, 25. Oktober 2013

(Rezension) "Da vorne wartet die Zeit" von Lilly Lindner

 
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Die Menschen in der Stadt am Waldrand. Sie leben miteinander, sie leben nebeneinander her, sie sind allein, sie sterben - und doch hängen sie und ihre Schicksale alle zusammen: Der Kriminalpolizist, der einer grausamen Entführungsserie auf der Spur ist, das Mädchen aus gutem Hause mit dem unsagbaren Geheimnis, der weise Forscher der Zeit und die Mutter, die ihre kleine Tochter verliert. Sie alle leben in der Stadt am Waldrand, und sie alle sind mit dem Tod konfrontiert. Und mit der Zeit, die sich in der Unendlichkeit verliert.

Lilly Lindner schreibt mit echter Wortgewalt, mit so wunderbaren Worten, die fast schon ein wenig poetisch sind. Sie schafft es sowohl die ganz traurigen als auch die unfassbar schönen Augenblicke miteinander zu verknüpfen und in Einklang zu bringen, sodass man stets mit einem lachenden und weinenden Auge liest. Die einzelnen Schicksale berühren zutiefst und lassen einen grübelnd zurück. 

Ich habe schon viel von Lilly Lindner und ihrem Buch „Splitterfasernackt“ gehört, bin jedoch bis jetzt noch nicht dazu gekommen es zu lesen. Als ich zufällig gesehen habe, dass ein neues Buch von ihr erscheinen wird, musste einfach in die Leseprobe hineingelesen. Und was soll ich sagen, ich war sogleich davon begeistert wie geschickt Lilly Lindner mit Worten zu spielen weiß. So viele wunderschöne Sätze und das am Anfang einer Geschichte sind mir noch nie untergekommen.

Als ich schließlich begonnen habe zu lesen, wusste ich noch nicht, was genau mich denn erwarten wird. Ich wusste nur, dass sich wahrscheinlich alles um eine Stadt und ihre Bewohner drehen wird, sowie um deren Schicksale, die ganz unterschiedlich sind und demnach das Leben jedes einzelnen auf seine Art und Weise bestimmen. Soweit schön und gut, aber wie schafft man es daraus eine zusammenhängende Geschichte zu schreiben?

Die Antwort lässt sich am besten mit einem Zitat aus dem Roman beschreiben: Und während Helena sich erinnert, an all diese Menschen, die sie nur von den Worten aus ein paar bedruckten Seiten kennt, da fällt ihr mit einem Mal auf, dass diese Geschichten sie genau so berühren, wie sie geschrieben wurden – nicht als Buch, das man in einem Atemzug durchliest, nicht als Text, den man mit Leichtigkeit verschlingt, sondern Geschichte für Geschichte, ein ganzes Leben, verfangen in einem großen Ganzen, mit einer Erkenntnis, zum Ende hin so schön und traurig zugleich, dass fernab der Zeit und der Stelle ein jedes Wort von Hoffnung spricht. (Seite 176)

Genauso wie sie es beschreibt, sollte man sich stückchenweise vorantasten, anstatt wie gewohnt das Buch in einem Rutsch durchlesen zu wollen, da ansonsten die einzelnen Schicksale, um die es sich letztendlich geht, euntergehen würden.

Man muss die Worte und die Emotionen, die mit jeder Seite transportiert werden auf sich wirken lassen, sich von ihnen einnehmen und treiben lassen, besonders die Traurigkeit, das mit stärkste vertretene Gefühl kann so seine ganze Auswirkung entfalten und berühren. Insgesamt warten mehr als 20 Geschichten über die unterschiedlichsten Menschen auf die Leser. Da wäre zum einen eine Mutter, die ihre kleine Tochter verliert, ein Investmentbanker, der außer seinem Beruf nichts auf der Welt hat, keine Familie und Liebe kennt, ein Kriminalkommissar, der eine Reihe grausamer Entführungsfälle aufzuklären versucht u.v.m. Zuerst fragt man sich inwiefern diese ganzen Personen miteinander zusammenhängen. Das wird nicht gleich offensichtlich, erst mit Zeit lässt sich erkennen wie wer mit wem verstrickt ist. Das finde ich nicht negativ, sondern ganz wunderbar, denn so kann man sich erst einmal auf die einzelnen Schicksale konzentrieren und das Gesamte betrachten.

Ein ganz zentrales Thema bleibt die Zeit und die Vergänglichkeit. Ein Moment scheint alles gut zu sein, eine Sekunde später kann sich das Blatt jedoch schon geändert haben. Die Zeit steht nicht still, jeder Augenblick ist einzigartig und mit dem davorliegenden nicht zu vergleichen. Wie unsere Gedanken und Gefühle sich ändern, ändert sich auch die Zeit unaufhaltsam. Sie lässt sich nicht in einem Augenblick einfangen, sondern geht folgt ihrem Rhythmus ohne zu zögern.

Und auch der Tod, zieht sich durch jedes einzelne Kapitel und verdeutlicht so, dass er nun einmal zum Leben dazugehört, uns alle betrifft, auch wenn wir das gerne hin und wieder ausblenden. Hier bekommen wir einzelne Schicksalsschläge hautnah mit, wodurch sie einem unheimlich ans Herz gehen. Schließlich kann man hinter die Tragödien blicken und sehen welche Kreise diese ziehen.


Vor „Das vorne wartet die Zeit“ ist mir noch kein Buch untergekommen, bei dem ich bereits auf den ersten Seiten so viele berührende Stellen markiert habe, obwohl sie eher der traurigen Sorte angehören. Der Tod spielt in Lilly Lindners neuestem Werk eine ganz zentrale Rolle, was natürlich immer mit Wehmut und Trauer verbunden ist, aber es gibt auch wie gesagt viele kleine Stellen bzw. Momenten, in denen die Erzählungen einfach nur schön sind und mir ein Lächeln auf die Lippen zaubern konnten. Das wird definitiv nicht mein letztes Buch von Lilly Lindner gewesen sein. Ich bin schon gespannt auf ihre bereits erschienenen Bücher. 
 




Lilly Lindner wurde 1985 in Berlin geboren. Bereits mit fünfzehn begann sie autobiographische Texte und Romane zu schreiben. Viel Zeit verbringt sie heute mit der Arbeit mit Kindern. [Quelle: Verlagshomepage Droemer Knaur]




 







Kommentare:

  1. tolle Rezension mal weider :)
    Normalerweise mag ich ja keine kurzen Geschichten, aber hier bin ich doch neugierig geworden. Ich liebe traurige Bücher. Ich finde Traurigkeit wird manchmal zu wenig in Büchern und überhaupt in den Medien behandelt. Dabei finde ich, es ist gerade tröstend, wenn man merkt, dass auch bei anderen nicht immer alles rosig ist und man nicht alleine ist.
    Ich muss zugeben, ich gebe mich manchmal sehr gerne der Traurigkeit hin :)
    Ich werde mir das Buch mal ansehen :)

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  2. Ich liebe Lilly Lindner und die Art wie sie schreibt. "Bevor ich falle" habe ich auch bereits gelesen und es war das erste Buch, was mich schon nach der ersten Seite berührt hat.
    "Da vorne wartet die Zeit" habe ich mir gekauft, da war es gerade erst im Buchladen erschienen. *-*
    Ihre Art zu schreiben haut mich immer wieder um, rührt mich zu Tränen, berührt mich zu tiefst, sie schreibt so poetisch und "anders". Einfach wundervoll, ich kann es gar nicht in Worte fassen, wie begeistert ich von dieser Autorin und ihren Werken bin.
    "Splitterfasenackt" möchte ich auch unbedingt lesen, aber bis jetzt habe ich mich noch nicht getraut...

    Liebe Grüße und einen schönen Abend noch
    Rubin:)

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- Sarina