Donnerstag, 17. Januar 2013

(Rezension) "Beim Leben meiner Schwester" von Jodi Picoult

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Die dreizehnjährige Anna Fitzgerald hat genug davon, immer nur als Ersatzteillager ihrer leukämiekranken Schwester Kate behandelt zu werden. Knochenmark, Stammzellen, Thrombozyten… längst weiß sie nicht mehr, wie viele Operationen sie über sich hat ergehen lassen müssen. Nie hat sie ihre Rolle angezweifelt, doch nun beginnt sich Anna zu fragen, wer sie eigentlich ist. Wurde sie von ihren Eltern Sara und Brian, wirklich nur zu dem Zweck geboren ihrer todkranken Schwester das Leben zu retten? Hätte sie ohne Kate eine eigene Persönlichkeit oder würde es sie dann gar nicht geben? Anna weiß es nicht. Sie weiß nur eins: Ihr Körper soll nie mehr für irgendeinen medizinischen Eingriff zu Verfügung stehen. Und um dieses Ziel zu erreichen, nimmt sie die Hilfe eines Anwalts in Anspruch… 

 
Jodie Picoult’s Schreibstil ist einfach richtig schön - leicht und flüssig zu lesen- und sehr bewegend, sodass mir an diversen Stellen die Tränen in den Augen standen. Äußerlich wird das Buch in 10 Kapitel unterteilt, wovon 9, den Zeitraum von einer Woche darstellen – von Annas Antrag an das Gericht bis zu dem eigentlichen Verfahren. Und dann gibt es noch einmal eine Aufteilung in verschiedene Erzählabschnitte, welche entweder aus der Sicht von Anna, Sara, Brian, Jesse (Anna und Kates großer Bruder), Campbell (Annas Anwalt) oder Julia (die Verfahrenspflegerin) jeweils einen Teil der Geschichte erzählen. Deshalb ist dieses Buch auch so emotional…Man konnte ganz leicht an den Gedanken und Gefühlen der einzelnen Personen teilhaben, sehen, was den einzelnen beschäftigt. Vor allem jedoch hautnah miterleben, wie sehr Kates Krankheit an den Nerven der Fitzgeralds zerrt und sie belastet. Durch Mutter Sara erlebt der Leser hautnah die Krankengeschichte und die Rolle als Elternteil mit. Welche Verantwortung zu tragen ist, welche Herausforderungen, Wünsche und Ängste die Diagnose Leukämie mit sich bringt.

„Beim Leben meiner Schwester“ hat für mich etwas Einmaliges an sich. Mich macht die Geschichte auf der einen Seite betroffen, stimmt mich zum anderen aber auch sehr nachdenklich. Dieser Interessenskonflikt den Picoult schildert, berührt einen zutiefst.

Auf der einen Seite steht Anna, ein dreizehnjähriges Mädchen, dass endlich alleine über ihren Körper bestimmen möchte, obwohl sie ihre Schwester über alles liebt. Ich habe sie als eine sehr nachdenkliche und leicht philosophische Person kennengelernt, die für ihr Alter schon unglaublich reif herüberkommt. Doch wenn man auf ihr bisheriges Leben zurückschaut und auf die vielen Operationen blickt, die sie schon über sich hat ergehen lassen musste, kommt einem das gar nicht mehr unnormal vor. Ich meine Anna muss sich tagtäglich damit auseinandersetzen, dass ihre Schwester todkrank und sie die einzige ist, die ihr bei einem Rückfall helfen kann. Diese Situation stelle mir unglaublich schwer und auch belastend vor. Kein Wunder, dass sie nicht daran zweifelt, dass sie nur für diesen Zweck geboren wurde und glaubt, dass es sie nicht geben würde, wenn Kate krank wäre. Ich konnte ihr das hundertprozentig nachempfinden.

Aber nicht nur Anna leidet unter familiären Situation, sondern auch ihr Bruder Jesse. Wenn man die Kapitel aus seiner Sichtweise liest, dann merkt man sofort wie überflüssig (das zeigt beispielsweise die Tatsache, dass sein Zimmer sich nicht im Haus sondern in der Garage befindet) und wertlos er sich vorkommt. Für ihn muss alles noch viel schwieriger sein, schließlich war er noch ein kleiner Junge, als Kates Krankheit entdeckt wurde und er fortan lernen musste zurückzustecken. Tja und damit kommt er bis heute ganz offensichtlich nicht zurecht… Er dreht kriminelle Dinger, aus reiner Verzweiflung um wenigstens ein bisschen die Aufmerksamkeit seiner Eltern zu erhaschen, doch letztendlich hat er sich mit seiner Rolle des Außenseiters genauso abgefunden, wie Annas Mutter Sara mit ihrer. Ihr Augenmerk liegt ganz auf Kate. Bei dem leisesten Geräusch ist sie zur Stelle… Ihre beiden anderen Kinder sieht sie hingegen fast gar nicht mehr. Es ist selbstverständlich, dass Jesse und Anna zurückstecken. Das einzige Ziel wofür sie kämpft, ist Kate auf keinen Fall sterben zu lassen. Sie klammert sich an jeden Stromhalm und hängt sich mit Haut und Haar in die Geschichte rein, was einerseits bemerkenswert ist (würde wahrscheinlich jede Mutter für ihr Kind tun) andererseits bedenkt sie gar nicht, was mit Anna sein könnte (also ob Folgen für sie sein könnten). Und dieses Verhalten lässt sie verbissen und hart wirken. Ich finde sie hat schon lange den Blick für die Realität verloren.

Den Ausgleich hierzu bildet Annas Vater Brian. Natürlich macht er sich die gleichen Sorgen um Kate wie seine Frau und würde sicher auch alles tun um ihr zu helfen, dennoch schafft er es durch seine Arbeit als Feuerwehrmann eine Weile Abstand von zuhause zu gewinnen. Außerdem beschäftigt er sich ausführlich mit Astronomie, was im Buch wunderschön dargestellt wird.

Ich hoffe ihr erkennt, dass ich zu zeigen versuche, dass die Annas Anklage zwar einen juristischen Weg geht, vor allem jedoch die moralische Ebene vertieft wird, sodass man irgendwann als Leser zu dem Punkt gelangt an dem man sich fragt, auf welcher Seite man nun stehen würde. Auf der Seite der Eltern oder auf der von Anna.

Zum Schluss möchte ich noch kurz eine Bemerkung zum Film machen. Wie ihr alle sicher wisst, kann man Buch und Film nie miteinander vergleichen, da es immer irgendwelche Unterschiede gibt. So auch hier- vor allem am Ende. Ich muss dazu sagen, dass ich den Film vorher gesehen habe (Kann ich euch nicht empfehlen ;) ). Ich weiß nicht, wie ich’s sagen soll, aber das Filmende ist meiner Meinung nach versöhnlicher als das Buchende. Das Buchende bringt ca. 10 oder 20 Seiten vorher eine unerwartete Wendung mit sich, die auf einen Schlag alles zunichtemacht, mich unglaublich geschockt hat und mir die Tränen in die Augen stiegen ließ. Alle offenen Fragen wurden so aus dem Weg geschafft.
Also, wenn ihr denkt, dass ihr ja eh schon das Ende kennt und euch nichts mehr überraschen kann: vergesst alles wieder ganz schnell.

„Beim Leben meiner Schwester“ ist ein wunderschönes und einfühlsames Buch, das einen sehr nachdenklich stimmt, da es deutlich macht, dass das, was richtig ist sich falsch anfühlt und das was falsch ist sich richtig anfühlt. Allerdings gibt es in diesem Konflikt niemanden der gewinnen kann, weil dafür einer verlieren muss. 
 




 
Jodi Picoult, geb. 1967 auf Long Island, lebt nach ihrem Studium in Princeton und Harvard zusammen mit ihrem Mann und drei Kindern in Hanover, New Hampshire. 1992 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. 2003 wurde sie für ihre Werke mit dem National England Book Award ausgezeichnet. Sie gehört zu den erfolgreichsten amerikanischen Erzählerinnen weltweit ihr Roman 'Beim Leben meiner Schwester' wurde in Hollywood verfilmt. [Quelle: weltbild.de]

Kommentare:

  1. Hey,
    schöne Rezi. Ich kenn ja bloss den Film und fand den schon sehr schön. Dass das Ende "versöhnlicher" als im Buch ist, wird wohl daran liegen, dass Hollywood wieder mal ein Happy End verlangt. Jetzt reizt es mich, dieses Buch doch auch noch zu lesen, obwohl ich doch mein SuB abbauen wollte *menno*
    Was ch dir aber auch empfehlen kann von Jodi Picoult, was mich zu Tränen rührte, ist: das Herz ihrer Tochter!
    Auch ein "Interessenkonflikt" mit Schwestern im Mittelpunkt und Organspende. Aber ich bin sowieso Fan von Picoult... ;)

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    1. "Das Herz ihrer Tochter" steht schon auf meiner Wunschliste ;) Hinten im Buch war es als Empfehlung drin... Hört sich auch richtig gut an.

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  2. Hi,
    schöne Rezi und auf dem Punkt gebracht, ich habe das Buch schon vor Jahren gelesen und war zu Anfang auch begeistert, allerdings ist mir ab etwa der Hälfte des Buches die Luft ausgegangen, es wurde immer verwirrender und ich habe mich echt bis zum Ende durchbeißen müssen. Alles in allem ist "Beim Leben meiner Schwester" gelungen aber ich würde es nicht noch einmal lesen.
    Vom Film war ich enttäuscht da er mit dem Buch so ziemlich nichts gleich hatte.
    Ich bin auf deine Rezi zu Beta gespannt, das Buch ist auf meiner Wunschliste.
    Lg

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  3. Hi,
    schöne und gelungen Rezi, du hast es auf den Punkt gebracht. Ich habe "Beim Leben meiner Schwester" schon vor Jahren gelesen und war am Anfang auch begeistert, allerdings ist mir ab etwa der Mitte die Luft ausgegangen und ich musste mich echt zwingen bis zum Ende zu lesen, es wurde immer verwirrender und es wurde zu viel übertrieben. Der Grundgedanken ist super und letztendlich finde ich das Buch gelungen aber ich würde es nicht noch einmal lesen. Den Film zum Buch fand ich eher enttäuschend da er mit dem Buch so ziemlich nichts gemeinsam hatte.
    Ich freue mich auf deine Rezi zu "Beta", das Buch ist auf meinem Wunschzettel.
    Lg

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  4. Das Buch hört sich toll an und ich will auch ständig ein anderes Buch von Jodi Picoult lesen und zwar: 19 Minuten !

    LG
    _________________________________________________

    http://baddicted.blogspot.de/

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- Sarina